« zurück

Besetzung

Kommentare

Andreas Schröter, 02. Dezember 2018
Ich war gestern in der Premiere von „Tartuffe“ im Schauspielhaus. Nach der „Parallelwelt“ ist das der zweite große Hit am Schauspiel Dortmund in dieser Spielzeit. Wahnsinn, mit welcher Kreativität das Team um Regisseur Gordon Kämmerer diesen Molière-Klassiker aufgebürstet hat. Wer da angestaubtes Bildungsbürgertum-Theater mit Gähn-Garantie erwartet, wird eines Besseren belehrt. Die Inszenierung strotzt nur so vor (modernem) Sprachwitz, Humor, visuellen Effekten und allgemeinem Einfallsreichtum. Tartuffe (Björn Gabriell) haust - umgeben von riesigen Putten – in einem heruntergekommenen Wohnwagen. Allein dieses Bühnenbild versinnbildlicht auf geniale Weise schon den hochstaplerischen und betrügerischen Charakter dieser Figur. Es macht schlicht Spaß, die Dortmunder Schauspiel-Granden um Uwe Schmieder, Merle Wasmuth, Bettina Lieder, Uwe Rohbeck und all den anderen dabei zuzusehen, wie sie den Hausherrn und seine Mutter davon überzeugen, dass Tartuffe ein Betrüger ist. Höhepunkt ist womöglich eine superwitzige Szene, die per Videotechnik aus dem Inneren des Wohnwagens übertragen wird und in der Elmire versucht, Tartuffe zu verführen. Einen kurzen, aber wuchtigen Auftritt hat der Dortmunder Sprechchor, der Tartuffe am Ende festnimmt, sowie zwei Schauspieler (Frieder Langenberger und, Mario Lopatta) vom Schauspielstudio Graz mit einigen homoerotischen Einlagen. Eingerahmt ist das Ganze in eine Art Techno-Tanztheater, bei dem man am liebsten aufspringen und mittanzen möchte. Bei der Premiere gibt’s am Ende zu Recht Standing Ovations. Natürlich melden sich beim Rausgehen auch wieder die ewigen Nörgler zu Wort, die mit hochgezogener Augenbraue ironisch fragen: „Was würde wohl Molière dazu sagen …?“ Ich muss sagen, es ist mir völlig egal, was Molière dazu sagen würde. Wir leben nicht mehr im 17. Jahrhundert, sondern im Jahre 2018, und da hat ein Schauspielteam geradezu die Pflicht, einen solchen Stoff in die Gegenwart zu übertragen. Andernfalls müsste sich das Schauspiel in „Schauspielmuseum“ umbenennen.