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Besetzung

Kommentare

Andreas Schröter, 03. Juni 2018
„Memory Alpha oder Die Zeit der Augenzeugen“, ein Theaterstück das ich gestern nun auch endlich im Dortmunder Schauspielstudio gesehen habe (Premiere war schon Anfang April), hat mich nicht recht überzeugt. Meiner Ansicht nach werden (mindestens) zwei Themen verwoben, die nichts miteinander zu tun haben. Zunächst hält Uwe Schmieder einen langen Monolog gegen das Orwellsche Vorhaben Chinas, seine Bürger zu überwachen und sie mit einem Punktesystem zu loben und zu bestrafen. Verbunden ist dieser Monolog mit der Warnung, so etwas könne auch hier passieren. Im weiteren Verlauf des Stücks, an dem neben Schmieder die Schauspieler Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher und Christian Freund beteiligt sind, geht es dann aber um die Unsicherheit der eigenen Erinnerung und die Möglichkeit, jemandem per Suggestion eine Erinnerung zu etwas einzupflanzen, das nie stattgefunden hat. Caroline Hanke verkörpert eine Frau, die nichts vergessen kann und über die totale Erinnerung verfügt. Insofern zerfällt diese Produktion ein wenig in ihre Einzelteile und ergibt kein geschlossenes Ganzes. Regie führt Ed. Hauswirth, das Stück stammt von Anne-Kathrin Schulz.
Irmi Wachendorff, 05. November 2018
Publikumsstimme von Irmi Wachendorff, 05.11.18 Gestern Abend sah ich begeistert „Memory Alpha oder Die Zeit der Augenzeugen“. Ich erlebte Figuren, die unterschiedliche Aspekte des Erinnerns und Vergessens beleuchten: Eine junge Frau die alles erinnert, ein Forschungsinstitutsleiter, der ein chinesisches Social-Score-System – und damit die Bedrohung durch eine Welt, in der alles für immer erinnert wird – unter die Lupe nimmt, eine Gedächtnisforscherin, die falsche Erinnerungen in menschliche Gehirne einpflanzt und schließlich ihr Proband, der über die „forced memory“ stolpert während ihn eigentlich eine „wahre Erinnerung“ verzweifeln lässt. Uwe Schmieder, Caroline Hanke, Friederike Tiefenbacher und Christian Freund arbeiten fesselnd konzentriert und präzise. Mein persönliches Highlight unter vielen guten Momenten: Der vierfach Loop durch einen Streit, der in jeder Wiederholung ein völlig anderer zu sein scheint und herrlich hautnah erleben lässt, was Erinnern ist und was hervorragende SchauspielerInnen können: Der Raum changiert von einer Sekunde zur nächsten, aus Zaudern und Fragen, wird Ulk, wird tobender Zorn. Das Stück von Anne-Kathrin Schulz beeindruckt durch eine dicht gewobene Erzählung, faktische Präzision und eine vielschichtige, ereignisreiche Handlung. Das Spannungsfeld zwischen dem Drama (und Gewinn!) des menschlichen Erinnerns und Vergessens gegenüber digitalen Megaspeichern einer Welt, die elektronisch alles für immer erinnern kann, wird facettenreich durchdacht. Die Kleider der Schauspieler, die alle (Erinnerungs-)Fäden sichtbar machen, die die Flicken des menschlichen Kostüms zusammengehalten, sind ebenso sinnreich und stimmig, wie der weiße Bühnenraum mit unzähligen Bildschirmen, die eine Galerie kollektiver und individueller Erinnerungen bildlich und textlich erlebbar machen. Außerordentlich sehenswert!